Nach dem unerfreulichen Telefongespräch mit meiner Mutter machte ich mich missmutig auf den Weg zum Spätdienst in die Göttinger Frauenklinik. Ich absolvierte gerade die letzte Woche meiner einmonatigen OP-Zeit als Hebammenschülerin. Noch ein Monat bis zum Hebamenexamen. Und dann? Ich musste und würde eine Lösung finden, dachte ich entschlossen.
Etwas zuversichtlicher betrat ich die Klinik. Im OP-Bereich zog ich mich um und ging dann ins Dienstzimmer zur Übergabe. Die Operationen, die auf dem OP-Plan standen, waren bereits beendet. Ich packte einen Wagen mit Tupfern, Kanülen, Spritzen und dergleichen, um in den drei Operationssälen die Vorratsschränke aufzufüllen. In OP eins stieß ich auf meine Freundin Gabi. Sie war Anästhesieschwester und überprüfte gerade die Sauerstoffgeräte. „Hallo Gabi, wie schön, dass du auch Spätdienst hast. Du sagtest mir vor ein paar Tagen, dass deine Kollegin auszieht. Ist das Zimmer in deiner Wohnung noch frei?“ Gabi sah mich erstaunt an. „Hallo Martina, wie aufgeregt du bist. Heike zieht im nächsten Monat aus, und das Zimmer ist noch frei. Sag bloß, du interessierst dich dafür. Mensch, das wäre toll, wenn du mit mir zusammenziehen würdest.“
„Sobald ich eine Stelle gefunden habe, ziehe ich bei dir ein. Weißt du, meine Mutter hat mir heute die Pistole auf die Brust gesetzt. Sie sagte, da ich ohne Stelle und Wohnung wäre, müsste ich nach dem Examen zurück nach Hause kommen. Aber das will ich auf keinen Fall. Ich möchte in Göttingen bleiben. Und dann lebt hier Axel. Wir sind jetzt seit einem Jahr zusammen.“
„Hat deine Mutter dich also wieder einmal bearbeitet.“, stellte Gabi kopfschüttelnd fest, während sie eine gebrauchte Sauerstoffmaske gegen eine sterilisierte austauschte.
Ich öffnete den Vorratsschrank, um die Spritzen aufzufüllen. „Sie kann es nicht akzeptieren, dass ich von zu Hause weggegangen bin. Wie du weißt, bin ich ihr einziges Kind, und ihr Leben konzentrierte sich nur auf mich. Sie versucht mit allen Mitteln, mich dazu zu bewegen, nach dem Examen nach Hause zurückzukehren.“ „Mach dir keine Sorgen. Eine Wohnung hast du jetzt gefunden. Und sagtest du nicht, dass du morgen ein Vorstellungsgespräch im Kreiskrankenhaus Eschwege hast?“
„Ja, morgen früh um zehn. Das eigentliche Vorstellungsgespräch war, wie du weißt, in der letzten Woche. Morgen werden sie mir sagen, ob sie mich nehmen oder nicht. Eigentlich habe ich ein gutes Gefühl. Es ist bloß, dass ich mich von meiner Mutter unter Druck gesetzt fühle. Deshalb brauche ich die Stelle unbedingt, obwohl ich nicht nach Eschwege möchte. In Göttingen ist jedoch zur Zeit keine Hebammenstelle frei.“
Gabi legte mir tröstend einen Arm um die Schultern. „Kopf hoch. Sie nehmen dich sicher. Und Eschwege ist nur fünfzig Kilometer von Göttingen entfernt. Mit dem Auto ist das kein Problem.“
„Ach Gabi, es hat mir richtig gut getan, mit dir zu reden. Jetzt bin ich schon viel zuversichtlicher.“
Bald darauf wurde eine Notoperation angekündigt, und wir waren bis in den späten Abend hinein beschäftigt.
Am nächsten Morgen machte ich mich rechtzeitig auf den Weg nach Eschwege zum Kreiskrankenhaus. Ich war aufgeregt, es hing viel für mich von dieser Stelle ab. Ich betrat das Krankenhaus und ging direkt bis zum Kreissaal. Mit klopfendem Herzen klingelte ich an der Kreissaaltür. Es öffnete mir die Hebamme Frau Zach, deren Stelle neu zu besetzen war. „Guten Morgen Frau Schmitz, Herr Doktor Schneider erwartet sie schon.“
Ich folgte ihr mit klopfendem Herzen ins Arztzimmer, wo der Chefarzt Herr Doktor Schneider mir sofort entgegen kam und die Hand reichte. „Guten Morgen Frau Schmitz, ich hoffe, Sie haben noch Lust, bei uns zu arbeiten.“ Lächelnd sah er mich an.
„Gewiss, Herr Doktor Schneider, ich möchte gern hier bei Ihnen arbeiten. Ich denke, dass ich in Ihrem Krankenhaus viel dazulernen kann. In einem kleineren Haus, als es die Universitätsklinik ist, kommt es viel mehr auf das selbständige Arbeiten an.“
Herr Doktor Schneider nickte bestätigend. „In der Tat, hier ist die Hebamme weitestgehend auf sich gestellt. Es ist permanent ein Gynäkologe im Dienst. Sollte er jedoch zu einem Notfall auf die gynäkologische Station gerufen werden, muss die Hebamme im Kreissaal allein zurecht kommen. Sie werden selbstverständlich von Frau Zach eingearbeitet, bis ihr Mutterschutz beginnt. So können Sie sich in Ruhe bei uns eingewöhnen.”
„Das heißt, dass ich die Hebammenstelle bekomme, Herr Doktor Schneider?“, fragte ich hoch erfreut.
„Ja Frau Schmitz, wir haben uns für Sie entschieden. Wir können uns vorstellen, dass Sie durch Ihre Jugend und Ihr Wissen, welches Sie an der Universitätsfrauenklinik in Göttingen erworben haben, sozusagen frischen Wind in unseren Kreissaal bringen werden. Wenn es Ihnen recht ist, können Sie am ersten Oktober bei uns Ihren Dienst antreten. Natürlich müssen Sie zunächst Ihr Hebammenexamen bestehen“, meinte er scherzend.
Vor Glück strahlend bedankte und verabschiedete ich mich und fuhr zurück nach Göttingen.
Im Schwesternwohnheim angekommen, ging ich sofort zum Telefon und wählte die Nummer meiner Eltern. „Hallo Mama, stell dir vor, ich habe sowohl eine Wohnung als auch eine Hebammenstelle gefunden“, rief ich triumphierend.
Peter saß im Garten auf seiner geliebten Schaukel und schaute traurig ins Gras. Er nahm nicht wahr, dass die herbstliche Sonne warm auf sein blondes Haar schien und die Vögel in den Obstbäumen fröhlich vor sich hin zwitscherten. Wenn er all diese Pracht um sich herum bemerkt hätte, wäre er noch viel trauriger geworden. Peter war eigentlich ein fröhlicher Junge, der mit seinen Freunden von morgens bis abends herumtobte. Meistens spielten sie in diesem schönen großen Garten auf der riesigen Wiese Fußball. Hier störten sie niemanden. Das gehörte jetzt alles der Vergangenheit an.
Peter stand auf und ging zu einem der Apfelbäume, in denen er immer so gern herumgeklettert war. Auch jetzt kletterte er in den Baum und setzte sich auf eine Astgabel. Er pflückte einen reifen rotbäckigen Apfel und schaute ihn gedankenverloren an, ehe er hinein biss. Plötzlich füllten sich seine grünen Augen mit Tränen. Er musste an seinen geliebten Papa denken. Wie oft war er mit seinem Papa hier im Garten gewesen. Sie hatten zusammen die vom Baum heruntergefallenen Äpfel aufgelesen, damit Mama sie zu Hause zu Apfelmus oder einem Kuchen verarbeiten konnte. Johannis- und Stachelbeeren hatten sie gemeinsam gepflückt und Mama hatte daraus köstliche Marmelade gemacht. Peter war ganz stolz gewesen, wenn er seinem Papa im Garten helfen konnte. An seinem letzten Geburtstag, an dem er sieben Jahre alt geworden war, durfte Peter all seine Freunde in den Garten einladen. Sie hatten die von Mama zubereitete Geburtstagstorte gegessen und dann tolle Spiele, wie Sackhüpfen, Eierlaufen und Wettrennen gemacht. Am Abend hatte Papa dann diese köstlichen Würstchen gegrillt. Das war sein schönstes Geburtstagsfest gewesen. Nie wieder würde er seine Geburtstage so feiern können. Nie wieder in diesem Garten und nie wieder mit seinem Papa.
Er erinnerte sich an diesen schrecklichen Tag vor drei Monaten. Er war abends von seinem Freund, bei dem er den Nachmittag über gespielt hatte, nach Hause gekommen. Mama hatte ihm die Tür geöffnet. Sie weinte, nahm Peter in den Arm und führte ihn ins Wohnzimmer. Er verstand nicht, was los war. Das
Wohnzimmer war voller Menschen. Er erkannte mehrere Personen, die in der Nachbarschaft wohnten und viele Freunde von Mama und Papa. Sie grüßten Peter und weinten. Er war verwirrt und es war ihm klar, dass irgendetwas Schreckliches geschehen sein musste. Mama bat ihn, sich mit ihr zusammen in den Sessel zu setzen. Dort hielt sie ihn ganz fest. Die Freunde und Nachbarn sahen ihn an und waren still. Peter bekam Angst. Wo war sein Papa? Ehe er fragen konnte, begann Mama leise zu ihm zu sprechen. Was hatte sie gesagt? Papas Herz hat aufgehört zu schlagen? Warum denn? Nein, das konnte nicht sein! Aber wo war Papa? Warum war er nicht hier? Peter sah seine Mama nur stumm an, er konnte nichts sagen. Er konnte auch nicht weinen. Nein, Papa konnte nicht tot sein. Er hatte ihm doch noch heute Mittag gesagt, dass sie morgen Nachmittag im Garten wieder zusammen Stachelbeeren pflücken wollten. Wie konnte Papa denn da tot sein? Peter nahm nun wahr, wie die Anderen im Zimmer wieder zu weinen begonnen hatten. Da begriff er, dass Mama die Wahrheit gesagt hatte. Er klammerte sich an sie und weinte nun hemmungslos. In der Nacht durfte er in Papas Bett schlafen. Mama hatte ihm erlaubt, Papas Schlafanzug in seinen Armen halten zu dürfen. Ein paar Tage später war Papas Beerdigung. Es waren so viele Menschen da. Alle küssten und drückten Peter, den armen Jungen, der nun keinen Vater mehr hatte. Er konnte noch immer nicht begreifen, dass er dieser Junge war. Er verstand auch nicht, warum sein Papa in diesem Sarg war, der dann in die Erde gelassen wurde. Mama versuchte ihm zu erklären, dass nur Papas Körper in der Erde ruhte, seine Seele aber im Himmel sei. Papa könnte ihn, Peter, und seine Mama immer beobachten, egal, wohin sie auch gingen. Das beruhigte Peter etwas. Er stellte sich nun vor, dass sein Papa auf dem Mond sei. Und an den Abenden, an dem der Himmel klar und der Mond zu sehen war, ging Peter hinaus, schaute hinauf zum Mond und sprach mit seinem Papa. Danach fühlte er sich jedes Mal besser.
Peter hörte seine Mama, wie sie nach ihm rief. Er kletterte vom Apfelbaum und machte sich auf den Weg ins Haus, wo Mama mit dem Abendbrot auf ihn wartete. Im Haus war alles voller Umzugskartons. Morgen würden er und Mama in eine große, fremde Stadt ziehen. Er hatte ein bisschen Angst davor. Er würde in eine andere Schule kommen und sich neue Freunde suchen müssen. Von seinen alten Freunden hatte er sich am Morgen in der Schule verabschiedet. Mama hatte Peter erklärt, dass es besser für sie Beide sei, von hier wegzuziehen. Es gab zu viele Erinnerungen, die sie traurig machen würden. Vielleicht hatte Mama Recht, und es würde ihnen in dieser neuen Stadt besser gehen. Sie würden gemeinsam ein neues Leben beginnen, er mit seiner Mama. Auf einmal lächelte Peter. Es schien ihm jetzt alles gar nicht mehr so schlimm zu sein. Und Papa würde ja auf jeden Fall auch mitkommen. Denn den Mond konnte man von überall aus sehen.

Damit ihr wisst, mit wem ihr es zu tun habt: Ich bin Jahrgang 1961 und lebe mit Mann, drei Kindern, Hund, Katze, Wellensittich und Schildkröte in Italien an der Ligurischen Küste.
In diesem Blog möchte ich euch an meinen Erlebnissen, Gedanken und Geschichten teilhaben lassen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.
Über eure Kommentare freue ich mich natürlich sehr