Kerstin kam mit mehreren Einkaufstüten beladen in die Küche. Sie hatte einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich und danach noch den Einkauf erledigt. Am Küchentisch saß Ralf mit einem Buch vor sich. „Hallo mein Schatz, da bist du ja endlich“, strahlte Ralf Kerstin an. „Stell dir vor, ich habe heute wieder ein Buch durchgelesen.“
„Toll“, meinte Kerstin mürrisch.
„Oh, du hast eingekauft. Was kochst du denn heute Abend Schönes?“
Wütend gab Kerstin den Einkaufstaschen einen Tritt, dass sich der gesamte Inhalt auf dem Fußboden verteilte. „Das glaub ich wohl jetzt nicht. Du sitzt den ganzen Tag auf deinem Hintern, erzählst mir stolz, dass du dein Buch durchgelesen hast und fragst mich auch noch, was ich heute Abend koche?“
Ralf schaute Kerstin verdutzt an. „Aber Mausi, was bist du denn so nervös? War irgend etwas auf der Arbeit?“
„Ob etwas auf der Arbeit war?“, äffte sie ihn nach, während sie die Einkäufe vom Boden aufsammelte und auf die Arbeitsplatte stellte.. „Wie kommst du nur darauf? Weißt du denn überhaupt noch, wie das ist, wenn man arbeitet? Ich komme hier für unseren Lebensunterhalt auf, weil dir keine Arbeit gut genug ist. Du suchst dir ja noch nicht mal selbst Arbeit. Du lässt Andere für dich suchen. Und der gnädige Herr entscheidet dann.“ Kerstin kochte inzwischen vor Wut. „Und damit nicht genug. Nicht nur, dass du nicht arbeitest, du tust auch noch keinen Handschlag hier im Haus. Alles bleibt immer nur an mir hängen. Ich kann einfach nicht mehr. Ich bin am Ende. Mit dir habe ich keinen Partner sondern ein kleines Kind.“ Erschöpft setzte Kerstin sich an den Tisch.
„Aber Mausi, ich liebe dich doch so sehr, und du weißt, dass ich dir etwas Besonderes bieten will.“ Ralfs Augen schauten nun träumerisch aus dem Fenster. „Ich möchte uns ein Haus kaufen. Wir werden reisen. Hab doch etwas Geduld. Du wirst sehen, eines Tages gewinne ich im Lotto, und dann machen wir uns ein schönes Leben.“
Kerstin erhob sich mit einem Satz und lief aufgeregt durch die Küche. „Ein schönes Leben? Ja wo lebst du denn eigentlich? In der Welt von Walt Disney? Du meinst, du musst nur oft genug im Lotto spielen und eines Tages liegt dir die Welt zu Füßen? Kerstins Stimme drohte überzukippen vor Aufregung. „Hast du vielleicht schon mal etwas von arbeiten und Geld verdienen gehört?“
Ralf erhob sich nun auch und stellte sich vor Kerstin, dass sie gezwungen war, stehen zu bleiben. „Du weißt, ich habe es versucht mit dem Arbeiten. Ich habe von morgens früh bis abends spät geschuftet. Und was war das Ergebnis? Ein Hungerlohn!“ Jetzt lief Ralf auf und ab. „Ich habe keine Berufsausbildung. Das heißt, ich werde immer nur unterbezahlte Jobs finden. Ich will mehr vom Leben. Ich will mehr für uns.“
„Ja Ralf, das verstehe ich. Da lässt du doch lieber nur mich für unseren Lebensunterhalt aufkommen.“, meinte Kerstin ironisch. „Aber weißt du, ich habe keine Lust mehr, mir das hier noch weiter anzusehen. Du kannst ruhig weiter in deiner Walt Disney-Welt leben, und ich lebe in Ruhe mein ganz normales Leben.“
„Was meinst du denn damit, Kerstin?“ Ralfs Frage klang etwas beunruhigt.
Kerstin ging hinüber zum Regal, nahm von dort zwei Tassen und schenkte Kaffee aus der Thermoskanne ein. Sie fügte Milch und Zucker hinzu und stellte alles auf den Tisch. „Komm Ralf setz dich, ich muss mit dir reden.“ Sie setzten sich nun beide an den Tisch. Ralf trank einen Schluck von seinem Kaffee und schaute Kerstin besorgt an. „Worüber müssen wir reden?“
„Ich kann nicht mehr mit dir leben, Ralf. So, wie die Dinge zwischen uns stehen, wird es mir allein erheblich besser gehen. Dann muss ich nämlich nur noch für mich sorgen.“ Kerstin war jetzt ganz ruhig, und das machte Ralf Angst. Er war blass geworden.
„Das heißt, du willst dich von mir trennen? Das kannst du nicht machen. Wir lieben uns doch. Wir passen so gut zusammen.“ Ralfs Stimme klang fast flehentlich.
„Das dachte ich auch Ralf. Ich wollte mit dir eine Familie gründen. Aber du bist ja selbst noch ein Kind. Du musst lernen, Verantwortung zu übernehmen. Wir haben so oft darüber gesprochen. Aber du hast nichts davon verstanden. Alles lastete immer nur auf meinen Schultern. Ich liebe dich nicht mehr Ralf. Ich bin einfach nur noch traurig und enttäuscht. Ich muss jetzt an mich selbst denken.“
„Aber Mausi, ich kann ohne dich nicht leben. Wir gehören zusammen.“ Verzweifelt stand Ralf auf und ging hinüber zu Kerstin, um sich vor sie zu hocken.
„Mausi gibt es nicht mehr Ralf. Und du kannst sehr gut ohne mich leben, das hast du früher ja auch getan. Du musst nur dein Leben wieder selbst in die Hand nehmen.” Um einen räumlichen Abstand von Ralf zu bekommen, stand Kerstin auf und räumte die Tassen in die Spülmaschine.
„Wo soll ich denn hin, Kerstin? Ich habe keine Arbeit. Wovon soll ich denn leben?“
„Siehst du, das ist der typische verantwortungslose kleine Junge in dir. Du wirst die Arbeit in dem Gartenbaubetrieb annehmen, die dir in der letzten Woche angeboten wurde. Ich werde dir bei der Wohnungssuche helfen. Und dann wirst du hoffentlich bald erwachsen werden. Denn ab jetzt bist du für dich selbst verantwortlich.“
„Es tut mir leid Kerstin, dass ich dich enttäuscht habe. Aber ich wollte wirklich etwas Besonderes für uns.“ Resigniert griff Ralf zum Telefon, um den Gartenbaubetrieb anzurufen.