Mein Mann Marco hatte mir diese Urlaubsreise zu meinem vierzigsten Geburtstag geschenkt. Eine Woche Algarve in Portugal, ganz allein. Endlich hatte ich einmal Zeit nur für mich. Ich musste mich nicht um den Haushalt und die Familie kümmern. Marco hatte alles bestens organisiert.
Ich war am Abend zuvor angekommen. Marco hatte für mich ein Zimmer in einem kleinem Hotel in der Altstadt gebucht. Am nächsten Morgen ging ich sofort nach dem Frühstück hinaus, um mich mit der neuen Umgebung vertraut zu machen. In den Straßen herrschte ein geschäftiges Treiben. Die Einheimischen machten ihre Einkäufe oder gingen anderen Beschäftigungen nach. Die Touristen dagegen waren auf dem Weg zum Strand. Man erkannte sie daran, dass sie mit kurzen Hosen, Sonnentops und Badeschlappen bekleidet waren. Sie trugen fast ausnahmslos Badetaschen und aufgeblasene Wassertiere oder Schwimmreifen mit sich. Ich folgte ihnen, um leichter den Weg zum Strand zu finden. Und dann sah ich endlich das Meer, dass ich so sehr liebte. Ich setzte mich auf eines der Fischerboote, die die Fischer am frühen Morgen nach dem nächtlichen Fischfang an den Strand gezogen hatten. So konnte ich das in der Sonne glitzernde Meer auf mich wirken lassen. Es war leicht bewegt. Nur kleine Wellen wurden an den Strand gespült. Die Urlauber sonnten sich teils an den Privatstränden und teils am freien Strand, der sich direkt vor den Fischerbooten befand. Einige Kinder tobten ausgelassen im Wasser, andere dagegen bauten Sandburgen am Strand. Ich erhob mich und ging barfuss durch den warmen Sand bis zum Wasser. Sanft umspielten die kleinen Wellen meine Füße. Ich drehte mich um, damit ich die Aussicht auf das Dorf genießen konnte. Malerisch schmiegten sich die alten hellen Häuser an den Fels. Dies war die Altstadt mit ihren hübschen kleinen Gassen, die ich zuvor durchstreift hatte. Dann durch einen grün bewachsenen Felsen abgetrennt sah ich auf der linken Seite die Neubausiedlung. Ein Hochhaus reihte sich an das nächste. Diese Neubausiedlung wollte einfach nicht zu diesem idyllischen Gesamtbild passen. Ich wusste, dass die Hochhäuser in den siebziger Jahren gebaut wurden, um mehr Touristen aufnehmen zu können. So wurde den einstmals armen Fischerdörfern zu neuem Reichtum verholfen.
Ich wollte mir von diesem Anblick meine gute Laune nicht verderben lassen. Den neuen Stadtteil musste ich mir schließlich nicht ansehen. Zum Glück war mein Hotel in der Altstadt, wo man die Romantik vergangener Zeiten noch spüren konnte. Ich freute mich auf meinen Urlaub, der vor mir lag. Ich würde kleine Ausflüge ins Landesinnere unternehmen, aber auch einfach nur faul am Strand liegen und meine Seele baumeln lassen. Das war mein Urlaub.
Dass ich schon immer schreiben lernen wollte, kann ich eigentlich nicht sagen. Das kam erst viel später.
Als ich in der ersten Schulklasse war, schenkten meine Eltern mir zu Weihnachten das Buch „Die Lügenprinzessin“. Es war in Schreibschrift geschrieben und ich habe es unzählige Male gelesen. Von da an wurde das Lesen für mich zu einer großen Leidenschaft, woran sich bis heute nichts geändert hat.
In der Schule war Deutsch stets mein Lieblingsfach. Inhaltsangaben, Nacherzählungen und Themen schrieb ich mit großer Begeisterung. Als ich etwa zehn Jahre alt war, versuchte ich mich im Gedichte schreiben. Ich kann mich erinnern, dass ich ein Gedicht, es hieß „Bambi“, an eine Zeitschrift sandte. Dieses Gedicht wurde zwar nicht veröffentlicht, ich erhielt jedoch ein Schreiben vom Verlag der Zeitschrift. In diesem Schreiben stand, dass mein Hobby Gedichte schreiben ein sehr schönes sei, sie jedoch nicht alle Gedichte veröffentlichen könnten. Damals war ich sehr stolz. Nach und nach verlor ich dann jedoch das Interesse an den Gedichten.
Ich konzentrierte mich dann mehr darauf, Briefe an meine Freundinnen zu schreiben.
Das machte mir so viel Spaß, dass ich mit etwa fünfzehn Jahren auch Brieffreundschaften in Afrika (Malawi) und in Barbados hatte. Diese habe ich über viele Jahre gepflegt, auch noch während meiner Berufsausbildungen.
Als ich zum ersten Mal richtig verliebt war, begann ich ein Tagebuch zu führen. Ich fand es sehr schön, später nachlesen zu können, was ich erlebt hatte. Denn ich wollte ja nichts davon vergessen. Leider schaffte ich es nie, regelmäßig Tagebuch zu führen. So fing ich an, alles Erlebte in meinen Taschenkalender zu schreiben. Diese Methode habe ich bis heute beibehalten. Als ich dann selbst eine Familie hatte und weiterhin meinen Beruf als Hebamme ausübte, fand ich keine Zeit mehr zum Briefe schreiben. Statt Geburtstagskarten zu schreiben, rief ich schnell mal an. Überhaupt war das Telefon für mich die Lösung. Ich fand es eigentlich sehr schade, nicht mehr die Zeit zum Schreiben zu finden. Aber trotz aller guten Vorsätze schaffte ich es einfach nicht.
Dann änderte sich mein Leben schlagartig. Mein Mann verstarb ganz plötzlich und ich stand da mit meinen zwei kleinen Kindern. Nach und nach reifte in mir der Entschluss mir einen lang gehegten Traum zu erfüllen und mit meinen Kindern nach Italien zu ziehen. Diesen Entschluss setzte ich schon knapp ein Jahr später in die Tat um. Wir lebten uns ziemlich schnell ein und waren in der ersten Zeit sehr damit beschäftigt, die italienische Sprache zu lernen.
Um jedoch nicht ganz von Deutschland abgeschnitten zu sein, kaufte ich regelmäßig deutsche Zeitschriften. So las ich vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal über die „Schule des Schreibens“. Und mit einem Mal war mein Interesse geweckt. Ich hatte ja bereits so viel erlebt. Wie oft hatte ich schon gesagt, dass ich dicke Bücher über mein Leben schreiben könnte. Damals besuchte mich sehr häufig meine Cousine, die an Krebs erkrankt war. Auch sie bestärkte mich in meinen Gedankengängen. Ich sollte ein Buch über ihr Leben schreiben. Und so forderte ich tatsächlich die Informationsunterlagen bei der „Schule des Schreibens“ an. Ich war Feuer und Flamme und meldete mich sofort für die „Große Schule des Schreibens“ an und begann zu lernen. Doch meine Aufgaben sandte ich niemals ein. Meine Cousine verstarb nach kurzer Zeit und ich brach mein Studium ab. Ich weiß nicht, ob es ein Fehler war. Wahrscheinlich hatte ich nicht den richtigen Zeitpunkt für dieses Studium gewählt. Jetzt, nach über zehn Jahren, bin ich mir wirklich sicher. Mein Wunsch zum Schreiben ist in mir in diesen zehn Jahren immer mehr gereift. Ich habe alle Bücher von Rosamunde Pilcher und Isabel Allende in italienischer Sprache gelesen. Und plötzlich stellte ich mir vor, selbst eine von diesen Schriftstellerinnen zu sein. Rosamunde Pilcher war auch nicht mehr jung, als sie mit dem Schreiben begann. Isabel Allende, die ich sehr bewundere, hat es wunderbar verstanden ihr Leben in ihre Romane einzuflechten. Auch sie lebt im Ausland und schreibt in ihrer Muttersprache. Ihre Bücher werden in allen Sprachen übersetzt. Das kann ich doch wohl auch. Ich möchte es nur richtig machen. Dafür brauche ich das Studium bei der „Schule des Schreibens“.
Und wer weiß, vielleicht werde ja auch ich eines Tages von der NDR Talkshow eingeladen, um mein neuestes Buch vorzustellen.