Sabine und ihre sechzehnjährige Tochter Katja räumten seit über zwei Stunden den Dachboden auf, und es war noch kein Ende abzusehen.
„Mama können wir nicht morgen weitermachen? Ich habe keine Lust mehr.“ Műde wischte Katja sich den Schweiβ von der Stirn.
„Ja, du hast recht Kind, mir reicht es auch für heute.“ Sabine stellte den kleinen Karton, den sie soeben geöffnet hatte, zur Seite. Dabei fiel von oben ein Bild auf die Erde. Noch ehe Sabine es aufheben und vor Katja verstecken konnte, kam diese ihr zuvor und nahm es in die Hand. „Da bist du ja mit einem tollen Typen drauf. Sieht der süß aus. War das dein Freund? Mama, warum weinst du denn?“ Erschrocken nahm Katja ihre Mutter in den Arm.
Sabine wischte sich die Tränen aus den Augen. „Auf dem Bild bin ich mit meinem Bruder Reiner bei einem Picknick.“
„Seit wann hast du denn einen Bruder? Davon weiß ich ja gar nichts.“ Erstaunt sah Katja ihre Mutter an.
Sabine nahm gedankenverloren das Bild in die Hand und begann zu erzählen.
„An jenem Sonntag vor über zwanzig Jahren hatten Reiner und ich einen Ausflug an einen See gemacht. Morgens in der Frühe waren wir von dem Haus unserer Eltern aus mit meinem alten Käfer losgefahren. Die Sonne schien warm, und wir vergnügten uns den ganzen Morgen über im Wasser. Als es Mittag wurde, packten wir auf der mitgebrachten Decke unseren Picknickkorb aus und ließen uns die von unserer Mutter vorbereiteten Köstlichkeiten schmecken. Solche Ausflüge kamen nur noch selten vor. Denn Reiner studierte in Freiburg und ich in Göttingen. Deshalb genossen wir diesen Ferientag miteinander besonders.
‚Entschuldigen Sie, ich habe ein Foto von Ihnen gemacht. Sie sehen beide so glücklich aus. Darf ich es Ihnen überreichen?’
Überrascht sahen wir auf den vor uns stehenden Mann, der uns ein Polaroid Foto überreichte. Reiner und ich bedankten uns bei ihm, und nachdem er gegangen war, brachen wir in Gelächter aus. ‚Mensch Reiner, der hat uns für ein Liebespaar gehalten.’
‚Tja, Schwesterchen, es gibt eben nicht viele Geschwister, die sich so gut verstehen wie wir.’ Liebevoll nahm Reiner mich in den Arm. Bei meinem großen Bruder fühlte ich mich geborgen. Von klein auf hatte er mich beschützt.
‚Oh Reiner, schau nur die Blitze, und da sind auch schon die ersten Tropfen.’ Schnell sprangen wir auf, packten die Reste vom Picknick in den Korb und verstauten ihn mit der Decke ins Auto. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig, in meinen Käfer zu steigen, ehe das Gewitter richtig losging. Auf der Landstraße, konnte ich kaum etwas erkennen. Es regnete so heftig, dass die schnellste Stufe der Scheibenwischer es nicht mehr schaffte, die Scheiben vom Regen frei zu halten. Es war inzwischen dunkel geworden. Die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge spiegelten sich auf dem nassen Asphalt. Selbst den Mittelstreifen auf der Straβe konnte ich nicht mehr erkennen. Vor Aufregung brach mir der Schweiß aus. Ich versuchte, mich zu konzentrieren und verkrampfte meine Hände um das Lenkrad, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Reiner legte mir beruhigend seine Hand auf den Arm. ‚Fahr ruhig langsam. Leider gibt es hier keine Möglichkeit mehr zum Anhalten.’Ich antwortete nicht. Angespannt schaute ich durch die Scheibe und versuchte dem Lauf der Straße zu folgen. Kein Auto war vor mir, an dem ich mich hätte orientieren können. Plötzlich ein Schrei von Reiner. ‚Pass auf, das Auto! Du bist auf der Gegenfahrbahn!’Doch es war schon zu spät. Ich sah noch, wie das Auto direkt auf uns zu kam. Ich stieß einen lang gezogenen Schrei aus, bis die beiden Autos mit voller Wucht zusammenstießen. Dann verlor ich dass Bewusstsein.“
Katja hatte ihre Mutter bis hierhin mit keinem Wort unterbrochen. Obwohl sie es bereits ahnte, fragte sie: „Und was geschah dann?“
Sabine stiegen erneut die Tränen in die Augen. „Ich war erst am nächsten Tag aus meiner Bewusstlosigkeit aufgewacht. Meine Mutter hatte an meinem Bett gesessen, mir die Hand gehalten und ununterbrochen geweint. Da wusste ich, was passiert war. Reiner war tot. Ich hatte dagegen nur ein paar Knochenbrüche davongetragen.
Meine Eltern haben mir niemals die Schuld am Tode meines Bruders gegeben. Sie sind jedoch ein Jahr später nach Hamburg gezogen, um nicht mehr an die Vergangenheit erinnert zu werden. Das ist auch der Grund, dass wir deine Groβeltern nur selten sehen. Ich fühle mich bis heute schuldig an Reiners Tod. Und damit muss ich leben.“
Katja war von der Geschichte ihrer Mutter erschüttert. Tröstend nahm sie sie in den Arm und drückte sie ganz fest. „Dich traf keine Schuld Mama. Es war höhere Gewalt. Du hast jetzt uns, deine Familie, und wir lieben dich.“
Tränenűberstrőmt drűckte Sabine ihre Tochter an sich. „Danke Katja. Du und Papa, ihr seid mein Leben. Und dafür bin ich dankbar.“