Martina (Mamü) hat mir vor ein paar Wochen ein Stöckchen mit einer indiskreten Frage zugeworfen. Und die Frage ist diese: Bist du eigentlich in der Zeit, in der du in Italien lebst, “italienischer” geworden und/oder gibt es noch so typisch deutsche Eigenschaften, die dich als Deutsche “outen”? Hörst du schon mal ein liebevolles “typisch deutsch”?
Zunächst musste ich über diese Frage lachen, denn mir fielen sofort viele Antworten auf diese Frage ein. Aber fangen wir doch mit dem ersten Teil der Frage an. Bin ich “italienischer” geworden, seit ich in Italien lebe? Die Antwort ist ja und nein. Wahrscheinlich war ich schon immer etwas italienisch, denn sonst wäre ich wohl nicht vor fünfzehn Jahren nach Italien gezogen. Ich bin nicht etwa, wie hier die meisten deutschen Frauen, eines Mannes wegen nach Italien gezogen. Oh nein, da kennt ihr mich aber schlecht. Ich bin damals nach Italien gezogen, weil ich meinen größten Traum wahr werden lassen wollte. Wer sagt denn, dass Träume immer Träume bleiben müssen? So bin ich damals mit meinen beiden Kindern, die vier und sieben Jahre alt waren, nach Italien gezogen. Ich habe es übrigens nie bereut. Wenn es uns nicht gefallen hätte, hätten wir ja auch wieder nach Deutschland zurückkehren können.
Dass ich keine typische Deutsche bin, merke ich immer wieder, wenn ich in Deutschland bin. Dort regt man sich auf, wenn Sonntags die Waschmaschine läuft und draußen die Wäsche aufgehängt wird, wenn in “Ruhezeiten” der Rasen gemäht wird, und, und, und. Das alles interessiert mich überhaupt nicht. Und das interessiert auch hier in Italien niemanden. Warum soll ich mir denn selbst das Leben so versauern? Da gibt es doch schönere Dinge, womit ich meine Zeit ausfüllen kann.
So ganz kann ich meine deutsche Mentalität natürlich auch nicht ablegen *lach*. Dafür habe ich zweiunddreißig Jahre lang in Deutschland gelebt. Und damit wären wir schon beim zweiten Teil der Frage. Als wir vor fünfzehn Jahren hierher zogen, war ich natürlich der Meinung, dass meine Kinder nach wie vor um neunzehn Uhr ins Bett mussten. Um diese Zeit isst man hier noch nicht einmal zu Abend *lach*. Das war mit Sicherheit typisch deutsch. Meine Kinder durften auch weiterhin keine Coca Cola trinken, was hier alle Kinder dürfen. Diese Dinge konnte ich erst so nach und nach mit den Jahren ablegen. Wenn ich mit meinen Kindern schimpfte, tat ich das meistens in deutscher Sprache. Die Wirkung war größer. Wenn also die Kinder mal ungezogen waren, sagten unsere italienischen Freunde zu ihnen: “Hört lieber, was die Mama sagt, sonst spricht sie mit euch deutsch”. Da musste ich immer lachen.
Was mir ganz wichtig war und noch immer ist, unsere deutschen Bräuche aufrechtzuerhalten. In der Vorweihnachtszeit backen wir Plätzchen und schmücken das ganze Haus. Am sechsten Dezember kommt zu uns der Nikolaus, zu den italienischen Kindern nicht. Den Weihnachtsbaum stellen wir inzwischen, wie es hier Brauch ist, am achten Dezember auf. So hat man länger etwas davon. Aber die Bescherung machen wir nach wie vor am Heiligen Abend und nicht morgens am ersten Weihnachtstag. Auch zu Ostern wird das Haus österlich geschmückt. Wir malen Eier an, und am Ostersonntag gibt es ein ausgiebiges österliches Frühstück. Das schöne ist, dass wir unsere deutschen Bräuche an die Tochter meines Lebensgefährten weitergegeben haben. Sie backt mit uns Weihnachtsplätzchen, läßt sich am Heiligen Abend von uns beschenken und am ersten Weihnachtstag von ihrer Mama und ihren Großeltern. Sie malt mit uns Ostereier an, und sucht am Ostersonntag ihr Osternest. Sie sagt, dass sie ein deutsch-italienisches Kind sei. Das finde ich sehr schön. Was das Kochen angeht, kochen wir sowohl deutsch als auch italienisch. So ist unser Speiseplan immer sehr abwechslungsreich. Wenn wir Besuch aus Deutschland erwarten, dann bekommt der Besuch erst einmal eine Einkaufsliste. Bestimmte Dinge sind uns auch heute noch sehr wichtig, wie geräucherte Mettwürstchen, Kochkäse, Fleischsalat, Götterspeise, Kräutersalz, Soßenbinder, u.s.w. Die Liste ist aber schon erheblich kleiner geworden, weil es inzwischen auch hier viele deutsche Produkte zu kaufen gibt.
So, jetzt ist es aber genug. Sonst schreibe ich hier noch mein ganzes Leben auf. Aber es hat mir Spaß gemacht, liebe Martina, deine Frage zu beantworten.