Martinas Geschichten Blog


11. Juli 2007

Picknick mit Folgen

Abgelegt unter: Geschichten — Martina @ 10:03

Sabine und ihre sechzehnjährige Tochter Katja räumten seit über zwei Stunden den Dachboden auf, und es war noch kein Ende abzusehen.
„Mama können wir nicht morgen weitermachen? Ich habe keine Lust mehr.“ Műde wischte Katja sich den Schweiβ von der Stirn.
„Ja, du hast recht Kind, mir reicht es auch für heute.“ Sabine stellte den kleinen Karton, den sie soeben geöffnet hatte, zur Seite. Dabei fiel von oben ein Bild auf die Erde. Noch ehe Sabine es aufheben und vor Katja verstecken konnte, kam diese ihr zuvor und nahm es in die Hand. „Da bist du ja mit einem tollen Typen drauf. Sieht der süß aus. War das dein Freund? Mama, warum weinst du denn?“ Erschrocken nahm Katja ihre Mutter in den Arm.
Sabine wischte sich die Tränen aus den Augen. „Auf dem Bild bin ich mit meinem Bruder Reiner bei einem Picknick.“

„Seit wann hast du denn einen Bruder? Davon weiß ich ja gar nichts.“ Erstaunt sah Katja ihre Mutter an.

Sabine nahm gedankenverloren das Bild in die Hand und begann zu erzählen.

„An jenem Sonntag vor über zwanzig Jahren hatten Reiner und ich einen Ausflug an einen See gemacht. Morgens in der Frühe waren wir von dem Haus unserer Eltern aus mit meinem alten Käfer losgefahren. Die Sonne schien warm, und wir vergnügten uns den ganzen Morgen über im Wasser. Als es Mittag wurde, packten wir auf der mitgebrachten Decke unseren Picknickkorb aus und ließen uns die von unserer Mutter vorbereiteten Köstlichkeiten schmecken. Solche Ausflüge kamen nur noch selten vor. Denn Reiner studierte in Freiburg und ich in Göttingen. Deshalb genossen wir diesen Ferientag miteinander besonders.

‚Entschuldigen Sie, ich habe ein Foto von Ihnen gemacht. Sie sehen beide so glücklich aus. Darf ich es Ihnen überreichen?’

Überrascht sahen wir auf den vor uns stehenden Mann, der uns ein Polaroid Foto überreichte. Reiner und ich bedankten uns bei ihm, und nachdem er gegangen war, brachen wir in Gelächter aus. ‚Mensch Reiner, der hat uns für ein Liebespaar gehalten.’

‚Tja, Schwesterchen, es gibt eben nicht viele Geschwister, die sich so gut verstehen wie wir.’ Liebevoll nahm Reiner mich in den Arm. Bei meinem großen Bruder fühlte ich mich geborgen. Von klein auf hatte er mich beschützt.

‚Oh Reiner, schau nur die Blitze, und da sind auch schon die ersten Tropfen.’ Schnell sprangen wir auf, packten die Reste vom Picknick in den Korb und verstauten ihn mit der Decke ins Auto. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig, in meinen Käfer zu steigen, ehe das Gewitter richtig losging. Auf der Landstraße, konnte ich kaum etwas erkennen. Es regnete so heftig, dass die schnellste Stufe der Scheibenwischer es nicht mehr schaffte, die Scheiben vom Regen frei zu halten. Es war inzwischen dunkel geworden. Die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge spiegelten sich auf dem nassen Asphalt. Selbst den Mittelstreifen auf der Straβe konnte ich nicht mehr erkennen. Vor Aufregung brach mir der Schweiß aus. Ich versuchte, mich zu konzentrieren und verkrampfte meine Hände um das Lenkrad, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Reiner legte mir beruhigend seine Hand auf den Arm. ‚Fahr ruhig langsam. Leider gibt es hier keine Möglichkeit mehr zum Anhalten.’Ich antwortete nicht. Angespannt schaute ich durch die Scheibe und versuchte dem Lauf der Straße zu folgen. Kein Auto war vor mir, an dem ich mich hätte orientieren können. Plötzlich ein Schrei von Reiner. ‚Pass auf, das Auto! Du bist auf der Gegenfahrbahn!’Doch es war schon zu spät. Ich sah noch, wie das Auto direkt auf uns zu kam. Ich stieß einen lang gezogenen Schrei aus, bis die beiden Autos mit voller Wucht zusammenstießen. Dann verlor ich dass Bewusstsein.“

Katja hatte ihre Mutter bis hierhin mit keinem Wort unterbrochen. Obwohl sie es bereits ahnte, fragte sie: „Und was geschah dann?“

Sabine stiegen erneut die Tränen in die Augen. „Ich war erst am nächsten Tag aus meiner Bewusstlosigkeit aufgewacht. Meine Mutter hatte an meinem Bett gesessen, mir die Hand gehalten und ununterbrochen geweint. Da wusste ich, was passiert war. Reiner war tot. Ich hatte dagegen nur ein paar Knochenbrüche davongetragen.

Meine Eltern haben mir niemals die Schuld am Tode meines Bruders gegeben. Sie sind jedoch ein Jahr später nach Hamburg gezogen, um nicht mehr an die Vergangenheit erinnert zu werden. Das ist auch der Grund, dass wir deine Groβeltern nur selten sehen. Ich fühle mich bis heute schuldig an Reiners Tod. Und damit muss ich leben.“
Katja war von der Geschichte ihrer Mutter erschüttert. Tröstend nahm sie sie in den Arm und drückte sie ganz fest. „Dich traf keine Schuld Mama. Es war höhere Gewalt. Du hast jetzt uns, deine Familie, und wir lieben dich.“
Tränenűberstrőmt drűckte Sabine ihre Tochter an sich. „Danke Katja. Du und Papa, ihr seid mein Leben. Und dafür bin ich dankbar.“

 

 

1. März 2007

Algarve, Portugal

Abgelegt unter: Geschichten — Martina @ 14:22

Mein Mann Marco hatte mir diese Urlaubsreise zu meinem vierzigsten Geburtstag geschenkt. Eine Woche Algarve in Portugal, ganz allein. Endlich hatte ich einmal Zeit nur für mich. Ich musste mich nicht um den Haushalt und die Familie kümmern. Marco hatte alles bestens organisiert.
Ich war am Abend zuvor angekommen. Marco hatte für mich ein Zimmer in einem kleinem Hotel in der Altstadt gebucht. Am nächsten Morgen ging ich sofort nach dem Frühstück hinaus, um mich mit der neuen Umgebung vertraut zu machen. In den Straßen herrschte ein geschäftiges Treiben. Die Einheimischen machten ihre Einkäufe oder gingen anderen Beschäftigungen nach. Die Touristen dagegen waren auf dem Weg zum Strand. Man erkannte sie daran, dass sie mit kurzen Hosen, Sonnentops und Badeschlappen bekleidet waren. Sie trugen fast ausnahmslos Badetaschen und aufgeblasene Wassertiere oder Schwimmreifen mit sich. Ich folgte ihnen, um leichter den Weg zum Strand zu finden. Und dann sah ich endlich das Meer, dass ich so sehr liebte. Ich setzte mich auf eines der Fischerboote, die die Fischer am frühen Morgen nach dem nächtlichen Fischfang an den Strand gezogen hatten. So konnte ich das in der Sonne glitzernde Meer auf mich wirken lassen. Es war leicht bewegt. Nur kleine Wellen wurden an den Strand gespült. Die Urlauber sonnten sich teils an den Privatstränden und teils am freien Strand, der sich direkt vor den Fischerbooten befand. Einige Kinder tobten ausgelassen im Wasser, andere dagegen bauten Sandburgen am Strand. Ich erhob mich und ging barfuss durch den warmen Sand bis zum Wasser. Sanft umspielten die kleinen Wellen meine Füße. Ich drehte mich um, damit ich die Aussicht auf das Dorf genießen konnte. Malerisch schmiegten sich die alten hellen Häuser an den Fels. Dies war die Altstadt mit ihren hübschen kleinen Gassen, die ich zuvor durchstreift hatte. Dann durch einen grün bewachsenen Felsen abgetrennt sah ich auf der linken Seite die Neubausiedlung. Ein Hochhaus reihte sich an das nächste. Diese Neubausiedlung wollte einfach nicht zu diesem idyllischen Gesamtbild passen. Ich wusste, dass die Hochhäuser in den siebziger Jahren gebaut wurden, um mehr Touristen aufnehmen zu können. So wurde den einstmals armen Fischerdörfern zu neuem Reichtum verholfen.

Ich wollte mir von diesem Anblick meine gute Laune nicht verderben lassen. Den neuen Stadtteil musste ich mir schließlich nicht ansehen. Zum Glück war mein Hotel in der Altstadt, wo man die Romantik vergangener Zeiten noch spüren konnte. Ich freute mich auf meinen Urlaub, der vor mir lag. Ich würde kleine Ausflüge ins Landesinnere unternehmen, aber auch einfach nur faul am Strand liegen und meine Seele baumeln lassen. Das war mein Urlaub.

Warum ich schreiben lernen will

Abgelegt unter: Über das Schreiben — Martina @ 14:15

Dass ich schon immer schreiben lernen wollte, kann ich eigentlich nicht sagen. Das kam erst viel später.
Als ich in der ersten Schulklasse war, schenkten meine Eltern mir zu Weihnachten das Buch „Die Lügenprinzessin“. Es war in Schreibschrift geschrieben und ich habe es unzählige Male gelesen. Von da an wurde das Lesen für mich zu einer großen Leidenschaft, woran sich bis heute nichts geändert hat.
In der Schule war Deutsch stets mein Lieblingsfach. Inhaltsangaben, Nacherzählungen und Themen schrieb ich mit großer Begeisterung. Als ich etwa zehn Jahre alt war, versuchte ich mich im Gedichte schreiben. Ich kann mich erinnern, dass ich ein Gedicht, es hieß „Bambi“, an eine Zeitschrift sandte. Dieses Gedicht wurde zwar nicht veröffentlicht, ich erhielt jedoch ein Schreiben vom Verlag der Zeitschrift. In diesem Schreiben stand, dass mein Hobby Gedichte schreiben ein sehr schönes sei, sie jedoch nicht alle Gedichte veröffentlichen könnten. Damals war ich sehr stolz. Nach und nach verlor ich dann jedoch das Interesse an den Gedichten.
Ich konzentrierte mich dann mehr darauf, Briefe an meine Freundinnen zu schreiben.
Das machte mir so viel Spaß, dass ich mit etwa fünfzehn Jahren auch Brieffreundschaften in Afrika (Malawi) und in Barbados hatte. Diese habe ich über viele Jahre gepflegt, auch noch während meiner Berufsausbildungen.
Als ich zum ersten Mal richtig verliebt war, begann ich ein Tagebuch zu führen. Ich fand es sehr schön, später nachlesen zu können, was ich erlebt hatte. Denn ich wollte ja nichts davon vergessen. Leider schaffte ich es nie, regelmäßig Tagebuch zu führen. So fing ich an, alles Erlebte in meinen Taschenkalender zu schreiben. Diese Methode habe ich bis heute beibehalten. Als ich dann selbst eine Familie hatte und weiterhin meinen Beruf als Hebamme ausübte, fand ich keine Zeit mehr zum Briefe schreiben. Statt Geburtstagskarten zu schreiben, rief ich schnell mal an. Überhaupt war das Telefon für mich die Lösung. Ich fand es eigentlich sehr schade, nicht mehr die Zeit zum Schreiben zu finden. Aber trotz aller guten Vorsätze schaffte ich es einfach nicht.
Dann änderte sich mein Leben schlagartig. Mein Mann verstarb ganz plötzlich und ich stand da mit meinen zwei kleinen Kindern. Nach und nach reifte in mir der Entschluss mir einen lang gehegten Traum zu erfüllen und mit meinen Kindern nach Italien zu ziehen. Diesen Entschluss setzte ich schon knapp ein Jahr später in die Tat um. Wir lebten uns ziemlich schnell ein und waren in der ersten Zeit sehr damit beschäftigt, die italienische Sprache zu lernen.
Um jedoch nicht ganz von Deutschland abgeschnitten zu sein, kaufte ich regelmäßig deutsche Zeitschriften. So las ich vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal über die „Schule des Schreibens“. Und mit einem Mal war mein Interesse geweckt. Ich hatte ja bereits so viel erlebt. Wie oft hatte ich schon gesagt, dass ich dicke Bücher über mein Leben schreiben könnte. Damals besuchte mich sehr häufig meine Cousine, die an Krebs erkrankt war. Auch sie bestärkte mich in meinen Gedankengängen. Ich sollte ein Buch über ihr Leben schreiben. Und so forderte ich tatsächlich die Informationsunterlagen bei der „Schule des Schreibens“ an. Ich war Feuer und Flamme und meldete mich sofort für die „Große Schule des Schreibens“ an und begann zu lernen. Doch meine Aufgaben sandte ich niemals ein. Meine Cousine verstarb nach kurzer Zeit und ich brach mein Studium ab. Ich weiß nicht, ob es ein Fehler war. Wahrscheinlich hatte ich nicht den richtigen Zeitpunkt für dieses Studium gewählt. Jetzt, nach über zehn Jahren, bin ich mir wirklich sicher. Mein Wunsch zum Schreiben ist in mir in diesen zehn Jahren immer mehr gereift. Ich habe alle Bücher von Rosamunde Pilcher und Isabel Allende in italienischer Sprache gelesen. Und plötzlich stellte ich mir vor, selbst eine von diesen Schriftstellerinnen zu sein. Rosamunde Pilcher war auch nicht mehr jung, als sie mit dem Schreiben begann. Isabel Allende, die ich sehr bewundere, hat es wunderbar verstanden ihr Leben in ihre Romane einzuflechten. Auch sie lebt im Ausland und schreibt in ihrer Muttersprache. Ihre Bücher werden in allen Sprachen übersetzt. Das kann ich doch wohl auch. Ich möchte es nur richtig machen. Dafür brauche ich das Studium bei der „Schule des Schreibens“.
Und wer weiß, vielleicht werde ja auch ich eines Tages von der NDR Talkshow eingeladen, um mein neuestes Buch vorzustellen.

1. Oktober 2006

Die Entscheidung

Abgelegt unter: Geschichten — Martina @ 22:48

Kerstin kam mit mehreren Einkaufstüten beladen in die Küche. Sie hatte einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich und danach noch den Einkauf erledigt. Am Küchentisch saß Ralf mit einem Buch vor sich. „Hallo mein Schatz, da bist du ja endlich“, strahlte Ralf Kerstin an. „Stell dir vor, ich habe heute wieder ein Buch durchgelesen.“

„Toll“, meinte Kerstin mürrisch.

„Oh, du hast eingekauft. Was kochst du denn heute Abend Schönes?“

Wütend gab Kerstin den Einkaufstaschen einen Tritt, dass sich der gesamte Inhalt auf dem Fußboden verteilte. „Das glaub ich wohl jetzt nicht. Du sitzt den ganzen Tag auf deinem Hintern, erzählst mir stolz, dass du dein Buch durchgelesen hast und fragst mich auch noch, was ich heute Abend koche?“

Ralf schaute Kerstin verdutzt an. „Aber Mausi, was bist du denn so nervös? War irgend etwas auf der Arbeit?“

„Ob etwas auf der Arbeit war?“, äffte sie ihn nach, während sie die Einkäufe vom Boden aufsammelte und auf die Arbeitsplatte stellte.. „Wie kommst du nur darauf? Weißt du denn überhaupt noch, wie das ist, wenn man arbeitet? Ich komme hier für unseren Lebensunterhalt auf, weil dir keine Arbeit gut genug ist. Du suchst dir ja noch nicht mal selbst Arbeit. Du lässt Andere für dich suchen. Und der gnädige Herr entscheidet dann.“ Kerstin kochte inzwischen vor Wut. „Und damit nicht genug. Nicht nur, dass du nicht arbeitest, du tust auch noch keinen Handschlag hier im Haus. Alles bleibt immer nur an mir hängen. Ich kann einfach nicht mehr. Ich bin am Ende. Mit dir habe ich keinen Partner sondern ein kleines Kind.“ Erschöpft setzte Kerstin sich an den Tisch.

„Aber Mausi, ich liebe dich doch so sehr, und du weißt, dass ich dir etwas Besonderes bieten will.“ Ralfs Augen schauten nun träumerisch aus dem Fenster. „Ich möchte uns ein Haus kaufen. Wir werden reisen. Hab doch etwas Geduld. Du wirst sehen, eines Tages gewinne ich im Lotto, und dann machen wir uns ein schönes Leben.“

Kerstin erhob sich mit einem Satz und lief aufgeregt durch die Küche. „Ein schönes Leben? Ja wo lebst du denn eigentlich? In der Welt von Walt Disney? Du meinst, du musst nur oft genug im Lotto spielen und eines Tages liegt dir die Welt zu Füßen? Kerstins Stimme drohte überzukippen vor Aufregung. „Hast du vielleicht schon mal etwas von arbeiten und Geld verdienen gehört?“

Ralf erhob sich nun auch und stellte sich vor Kerstin, dass sie gezwungen war, stehen zu bleiben. „Du weißt, ich habe es versucht mit dem Arbeiten. Ich habe von morgens früh bis abends spät geschuftet. Und was war das Ergebnis? Ein Hungerlohn!“ Jetzt lief Ralf auf und ab. „Ich habe keine Berufsausbildung. Das heißt, ich werde immer nur unterbezahlte Jobs finden. Ich will mehr vom Leben. Ich will mehr für uns.“

„Ja Ralf, das verstehe ich. Da lässt du doch lieber nur mich für unseren Lebensunterhalt aufkommen.“, meinte Kerstin ironisch. „Aber weißt du, ich habe keine Lust mehr, mir das hier noch weiter anzusehen. Du kannst ruhig weiter in deiner Walt Disney-Welt leben, und ich lebe in Ruhe mein ganz normales Leben.“

„Was meinst du denn damit, Kerstin?“ Ralfs Frage klang etwas beunruhigt.

Kerstin ging hinüber zum Regal, nahm von dort zwei Tassen und schenkte Kaffee aus der Thermoskanne ein. Sie fügte Milch und Zucker hinzu und stellte alles auf den Tisch. „Komm Ralf setz dich, ich muss mit dir reden.“ Sie setzten sich nun beide an den Tisch. Ralf trank einen Schluck von seinem Kaffee und schaute Kerstin besorgt an. „Worüber müssen wir reden?“

„Ich kann nicht mehr mit dir leben, Ralf. So, wie die Dinge zwischen uns stehen, wird es mir allein erheblich besser gehen. Dann muss ich nämlich nur noch für mich sorgen.“ Kerstin war jetzt ganz ruhig, und das machte Ralf Angst. Er war blass geworden.

„Das heißt, du willst dich von mir trennen? Das kannst du nicht machen. Wir lieben uns doch. Wir passen so gut zusammen.“ Ralfs Stimme klang fast flehentlich.

„Das dachte ich auch Ralf. Ich wollte mit dir eine Familie gründen. Aber du bist ja selbst noch ein Kind. Du musst lernen, Verantwortung zu übernehmen. Wir haben so oft darüber gesprochen. Aber du hast nichts davon verstanden. Alles lastete immer nur auf meinen Schultern. Ich liebe dich nicht mehr Ralf. Ich bin einfach nur noch traurig und enttäuscht. Ich muss jetzt an mich selbst denken.“

„Aber Mausi, ich kann ohne dich nicht leben. Wir gehören zusammen.“ Verzweifelt stand Ralf auf und ging hinüber zu Kerstin, um sich vor sie zu hocken.

„Mausi gibt es nicht mehr Ralf. Und du kannst sehr gut ohne mich leben, das hast du früher ja auch getan. Du musst nur dein Leben wieder selbst in die Hand nehmen.” Um einen räumlichen Abstand von Ralf zu bekommen, stand Kerstin auf und räumte die Tassen in die Spülmaschine.

„Wo soll ich denn hin, Kerstin? Ich habe keine Arbeit. Wovon soll ich denn leben?“

„Siehst du, das ist der typische verantwortungslose kleine Junge in dir. Du wirst die Arbeit in dem Gartenbaubetrieb annehmen, die dir in der letzten Woche angeboten wurde. Ich werde dir bei der Wohnungssuche helfen. Und dann wirst du hoffentlich bald erwachsen werden. Denn ab jetzt bist du für dich selbst verantwortlich.“

„Es tut mir leid Kerstin, dass ich dich enttäuscht habe. Aber ich wollte wirklich etwas Besonderes für uns.“ Resigniert griff Ralf zum Telefon, um den Gartenbaubetrieb anzurufen.

8. September 2006

Und jetzt erst recht

Abgelegt unter: Geschichten — Martina @ 16:10

Nach dem unerfreulichen Telefongespräch mit meiner Mutter machte ich mich missmutig auf den Weg zum Spätdienst in die Göttinger Frauenklinik. Ich absolvierte gerade die letzte Woche meiner einmonatigen OP-Zeit als Hebammenschülerin. Noch ein Monat bis zum Hebamenexamen. Und dann? Ich musste und würde eine Lösung finden, dachte ich entschlossen.
Etwas zuversichtlicher betrat ich die Klinik. Im OP-Bereich zog ich mich um und ging dann ins Dienstzimmer zur Übergabe. Die Operationen, die auf dem OP-Plan standen, waren bereits beendet. Ich packte einen Wagen mit Tupfern, Kanülen, Spritzen und dergleichen, um in den drei Operationssälen die Vorratsschränke aufzufüllen. In OP eins stieß ich auf meine Freundin Gabi. Sie war Anästhesieschwester und überprüfte gerade die Sauerstoffgeräte. „Hallo Gabi, wie schön, dass du auch Spätdienst hast. Du sagtest mir vor ein paar Tagen, dass deine Kollegin auszieht. Ist das Zimmer in deiner Wohnung noch frei?“ Gabi sah mich erstaunt an. „Hallo Martina, wie aufgeregt du bist. Heike zieht im nächsten Monat aus, und das Zimmer ist noch frei. Sag bloß, du interessierst dich dafür. Mensch, das wäre toll, wenn du mit mir zusammenziehen würdest.“
„Sobald ich eine Stelle gefunden habe, ziehe ich bei dir ein. Weißt du, meine Mutter hat mir heute die Pistole auf die Brust gesetzt. Sie sagte, da ich ohne Stelle und Wohnung wäre, müsste ich nach dem Examen zurück nach Hause kommen. Aber das will ich auf keinen Fall. Ich möchte in Göttingen bleiben. Und dann lebt hier Axel. Wir sind jetzt seit einem Jahr zusammen.“
„Hat deine Mutter dich also wieder einmal bearbeitet.“, stellte Gabi kopfschüttelnd fest, während sie eine gebrauchte Sauerstoffmaske gegen eine sterilisierte austauschte.
Ich öffnete den Vorratsschrank, um die Spritzen aufzufüllen. „Sie kann es nicht akzeptieren, dass ich von zu Hause weggegangen bin. Wie du weißt, bin ich ihr einziges Kind, und ihr Leben konzentrierte sich nur auf mich. Sie versucht mit allen Mitteln, mich dazu zu bewegen, nach dem Examen nach Hause zurückzukehren.“ „Mach dir keine Sorgen. Eine Wohnung hast du jetzt gefunden. Und sagtest du nicht, dass du morgen ein Vorstellungsgespräch im Kreiskrankenhaus Eschwege hast?“
„Ja, morgen früh um zehn. Das eigentliche Vorstellungsgespräch war, wie du weißt, in der letzten Woche. Morgen werden sie mir sagen, ob sie mich nehmen oder nicht. Eigentlich habe ich ein gutes Gefühl. Es ist bloß, dass ich mich von meiner Mutter unter Druck gesetzt fühle. Deshalb brauche ich die Stelle unbedingt, obwohl ich nicht nach Eschwege möchte. In Göttingen ist jedoch zur Zeit keine Hebammenstelle frei.“
Gabi legte mir tröstend einen Arm um die Schultern. „Kopf hoch. Sie nehmen dich sicher. Und Eschwege ist nur fünfzig Kilometer von Göttingen entfernt. Mit dem Auto ist das kein Problem.“
„Ach Gabi, es hat mir richtig gut getan, mit dir zu reden. Jetzt bin ich schon viel zuversichtlicher.“
Bald darauf wurde eine Notoperation angekündigt, und wir waren bis in den späten Abend hinein beschäftigt.
Am nächsten Morgen machte ich mich rechtzeitig auf den Weg nach Eschwege zum Kreiskrankenhaus. Ich war aufgeregt, es hing viel für mich von dieser Stelle ab. Ich betrat das Krankenhaus und ging direkt bis zum Kreissaal. Mit klopfendem Herzen klingelte ich an der Kreissaaltür. Es öffnete mir die Hebamme Frau Zach, deren Stelle neu zu besetzen war. „Guten Morgen Frau Schmitz, Herr Doktor Schneider erwartet sie schon.“
Ich folgte ihr mit klopfendem Herzen ins Arztzimmer, wo der Chefarzt Herr Doktor Schneider mir sofort entgegen kam und die Hand reichte. „Guten Morgen Frau Schmitz, ich hoffe, Sie haben noch Lust, bei uns zu arbeiten.“ Lächelnd sah er mich an.
„Gewiss, Herr Doktor Schneider, ich möchte gern hier bei Ihnen arbeiten. Ich denke, dass ich in Ihrem Krankenhaus viel dazulernen kann. In einem kleineren Haus, als es die Universitätsklinik ist, kommt es viel mehr auf das selbständige Arbeiten an.“
Herr Doktor Schneider nickte bestätigend. „In der Tat, hier ist die Hebamme weitestgehend auf sich gestellt. Es ist permanent ein Gynäkologe im Dienst. Sollte er jedoch zu einem Notfall auf die gynäkologische Station gerufen werden, muss die Hebamme im Kreissaal allein zurecht kommen. Sie werden selbstverständlich von Frau Zach eingearbeitet, bis ihr Mutterschutz beginnt. So können Sie sich in Ruhe bei uns eingewöhnen.”
„Das heißt, dass ich die Hebammenstelle bekomme, Herr Doktor Schneider?“, fragte ich hoch erfreut.
„Ja Frau Schmitz, wir haben uns für Sie entschieden. Wir können uns vorstellen, dass Sie durch Ihre Jugend und Ihr Wissen, welches Sie an der Universitätsfrauenklinik in Göttingen erworben haben, sozusagen frischen Wind in unseren Kreissaal bringen werden. Wenn es Ihnen recht ist, können Sie am ersten Oktober bei uns Ihren Dienst antreten. Natürlich müssen Sie zunächst Ihr Hebammenexamen bestehen“, meinte er scherzend.
Vor Glück strahlend bedankte und verabschiedete ich mich und fuhr zurück nach Göttingen.

Im Schwesternwohnheim angekommen, ging ich sofort zum Telefon und wählte die Nummer meiner Eltern. „Hallo Mama, stell dir vor, ich habe sowohl eine Wohnung als auch eine Hebammenstelle gefunden“, rief ich triumphierend.

Abschied

Abgelegt unter: Geschichten — Martina @ 15:44

Peter saß im Garten auf seiner geliebten Schaukel und schaute traurig ins Gras. Er nahm nicht wahr, dass die herbstliche Sonne warm auf sein blondes Haar schien und die Vögel in den Obstbäumen fröhlich vor sich hin zwitscherten. Wenn er all diese Pracht um sich herum bemerkt hätte, wäre er noch viel trauriger geworden. Peter war eigentlich ein fröhlicher Junge, der mit seinen Freunden von morgens bis abends herumtobte. Meistens spielten sie in diesem schönen großen Garten auf der riesigen Wiese Fußball. Hier störten sie niemanden. Das gehörte jetzt alles der Vergangenheit an.
Peter stand auf und ging zu einem der Apfelbäume, in denen er immer so gern herumgeklettert war. Auch jetzt kletterte er in den Baum und setzte sich auf eine Astgabel. Er pflückte einen reifen rotbäckigen Apfel und schaute ihn gedankenverloren an, ehe er hinein biss. Plötzlich füllten sich seine grünen Augen mit Tränen. Er musste an seinen geliebten Papa denken. Wie oft war er mit seinem Papa hier im Garten gewesen. Sie hatten zusammen die vom Baum heruntergefallenen Äpfel aufgelesen, damit Mama sie zu Hause zu Apfelmus oder einem Kuchen verarbeiten konnte. Johannis- und Stachelbeeren hatten sie gemeinsam gepflückt und Mama hatte daraus köstliche Marmelade gemacht. Peter war ganz stolz gewesen, wenn er seinem Papa im Garten helfen konnte. An seinem letzten Geburtstag, an dem er sieben Jahre alt geworden war, durfte Peter all seine Freunde in den Garten einladen. Sie hatten die von Mama zubereitete Geburtstagstorte gegessen und dann tolle Spiele, wie Sackhüpfen, Eierlaufen und Wettrennen gemacht. Am Abend hatte Papa dann diese köstlichen Würstchen gegrillt. Das war sein schönstes Geburtstagsfest gewesen. Nie wieder würde er seine Geburtstage so feiern können. Nie wieder in diesem Garten und nie wieder mit seinem Papa.

Er erinnerte sich an diesen schrecklichen Tag vor drei Monaten. Er war abends von seinem Freund, bei dem er den Nachmittag über gespielt hatte, nach Hause gekommen. Mama hatte ihm die Tür geöffnet. Sie weinte, nahm Peter in den Arm und führte ihn ins Wohnzimmer. Er verstand nicht, was los war. Das

Wohnzimmer war voller Menschen. Er erkannte mehrere Personen, die in der Nachbarschaft wohnten und viele Freunde von Mama und Papa. Sie grüßten Peter und weinten. Er war verwirrt und es war ihm klar, dass irgendetwas Schreckliches geschehen sein musste. Mama bat ihn, sich mit ihr zusammen in den Sessel zu setzen. Dort hielt sie ihn ganz fest. Die Freunde und Nachbarn sahen ihn an und waren still. Peter bekam Angst. Wo war sein Papa? Ehe er fragen konnte, begann Mama leise zu ihm zu sprechen. Was hatte sie gesagt? Papas Herz hat aufgehört zu schlagen? Warum denn? Nein, das konnte nicht sein! Aber wo war Papa? Warum war er nicht hier? Peter sah seine Mama nur stumm an, er konnte nichts sagen. Er konnte auch nicht weinen. Nein, Papa konnte nicht tot sein. Er hatte ihm doch noch heute Mittag gesagt, dass sie morgen Nachmittag im Garten wieder zusammen Stachelbeeren pflücken wollten. Wie konnte Papa denn da tot sein? Peter nahm nun wahr, wie die Anderen im Zimmer wieder zu weinen begonnen hatten. Da begriff er, dass Mama die Wahrheit gesagt hatte. Er klammerte sich an sie und weinte nun hemmungslos. In der Nacht durfte er in Papas Bett schlafen. Mama hatte ihm erlaubt, Papas Schlafanzug in seinen Armen halten zu dürfen. Ein paar Tage später war Papas Beerdigung. Es waren so viele Menschen da. Alle küssten und drückten Peter, den armen Jungen, der nun keinen Vater mehr hatte. Er konnte noch immer nicht begreifen, dass er dieser Junge war. Er verstand auch nicht, warum sein Papa in diesem Sarg war, der dann in die Erde gelassen wurde. Mama versuchte ihm zu erklären, dass nur Papas Körper in der Erde ruhte, seine Seele aber im Himmel sei. Papa könnte ihn, Peter, und seine Mama immer beobachten, egal, wohin sie auch gingen. Das beruhigte Peter etwas. Er stellte sich nun vor, dass sein Papa auf dem Mond sei. Und an den Abenden, an dem der Himmel klar und der Mond zu sehen war, ging Peter hinaus, schaute hinauf zum Mond und sprach mit seinem Papa. Danach fühlte er sich jedes Mal besser.
Peter hörte seine Mama, wie sie nach ihm rief. Er kletterte vom Apfelbaum und machte sich auf den Weg ins Haus, wo Mama mit dem Abendbrot auf ihn wartete. Im Haus war alles voller Umzugskartons. Morgen würden er und Mama in eine große, fremde Stadt ziehen. Er hatte ein bisschen Angst davor. Er würde in eine andere Schule kommen und sich neue Freunde suchen müssen. Von seinen alten Freunden hatte er sich am Morgen in der Schule verabschiedet. Mama hatte Peter erklärt, dass es besser für sie Beide sei, von hier wegzuziehen. Es gab zu viele Erinnerungen, die sie traurig machen würden. Vielleicht hatte Mama Recht, und es würde ihnen in dieser neuen Stadt besser gehen. Sie würden gemeinsam ein neues Leben beginnen, er mit seiner Mama. Auf einmal lächelte Peter. Es schien ihm jetzt alles gar nicht mehr so schlimm zu sein. Und Papa würde ja auf jeden Fall auch mitkommen. Denn den Mond konnte man von überall aus sehen.

Willkommen in meinem Blog

Abgelegt unter: Willkommen — Martina @ 00:59

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Damit ihr wisst, mit wem ihr es zu tun habt: Ich bin Jahrgang 1961 und lebe mit Mann, drei Kindern, Hund, Katze, Wellensittich und Schildkröte in Italien an der Ligurischen Küste.

In diesem Blog möchte ich euch an meinen Erlebnissen, Gedanken und Geschichten teilhaben lassen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Über eure Kommentare freue ich mich natürlich sehr